Als Frauenärztin höre ich es fast täglich: „Ich habe eine Östrogendominanz.“ Dieser Begriff ist überall – bei Gesundheitscoaches, und in den sozialen Medien. Aber aus medizinischer Sicht ist er irreführend.
Was passiert wirklich vor den Wechseljahren?
In den Jahren vor der Menopause (Fachbegriff: Prä- und Perimenopause) verändert sich der weibliche Zyklus nach und nach:
Die Eisprünge werden unregelmäßiger. Und hier liegt der Knackpunkt: Ohne Eisprung produziert der Körper kein Progesteron. Die zweite Zyklushälfte (Gelbkörperphase) wird kürzer oder fällt komplett aus.
Das Ergebnis: Der Progesteronspiegel sinkt – oft schon früh, deutlich, aber unbemerkt. Gleichzeitig bleibt der Östrogenspiegel zunächst relativ stabil. Später in der Perimenopause schwankt er dann stärker, manchmal sogar nach oben.
Es entsteht der Eindruck, Östrogen sei zu viel vorhanden. Aber das stimmt nicht. Es ist nicht absolut erhöht, sondern wirkt nur stärker, weil sein Gegenspieler Progesteron fehlt.
Die Biochemie dahinter
Die Zahlen sprechen dabei eine klare Sprache:
- Progesteron wird im Körper in Milligramm gemessen
- Östrogen wird in Pikogramm gemessen (das ist ein Tausendstel eines Milligramms)
Progesteron ist also mengenmäßig viel, viel höher dosiert.
Es wirkt stabilisierend, ausgleichend und beruhigend auf Körper und Nervensystem.
Fehlt Progesteron (Progesteronmangel),
gerät das fein abgestimmte Gleichgewicht aus der Balance.
Das Östrogen wirkt dann relativ stärker – nicht weil zu viel davon da ist, sondern weil sein Gegenspieler fehlt.
Die Folgen eines Progesteronmangels können sein:
- innere Unruhe und Übererregung
- verstärkte Gewebereaktionen (z. B. Spannungsgefühl, Wassereinlagerungen)
erhöhte Entzündungsneigung
Nicht etwa, weil zu viel Östrogen vorhanden ist,
sondern weil das hormonelle Gleichgewicht fehlt.
Warum der Begriff „Östrogendominanz“ schadet
Dieser Begriff führt oft dazu, dass Frauen:
- Angst vor Östrogen bekommen
- das eigentliche Problem übersehen: den Progesteronmangel
Dabei ist Progesteron wichtig für so vieles:
- guten Schlaf
- innere Ruhe und Gelassenheit
- einen stabilen Zyklus
- weniger Brustspannen
- ein ausgeglichenes Nervensystem
- Stresstoleranz
Mein Fazit als Frauenärztin
Die richtige Frage ist nicht: „Wie kann ich mein Östrogen senken?“
Sondern: „Warum fehlt meinem Körper Progesteron – und wie kann ich ihn dabei unterstützen?“
Wenn wir das verstehen, verändert sich das Körpergefühl vieler Frauen grundlegend.
Weniger Angst. Mehr Klarheit. Mehr Vertrauen in den eigenen Körper.